Herbizide (Glyphosat?) im Weinbau?
#1
Hallo zusammen,

in den Pfälzer Wein-Monokulturen sieht man überall unter den Weinstöcken exakt gleich breite Streifen in denen das Gras und das Unkraut "verdorrt". Es ist also sehr wahrscheinlich, dass im Weinbau nicht nur Fungizide, sondern auch Herbizide eingesetzt werden. Ich habe ein Foto mit einem solchen "Todesstreifen" an den Weinbauverband geschickt und bekam tatsächlich die Rückmeldung "im Weinbau werden keine Herbizide eingesetzt. :-)

Meine Fragen jetzt:

1. Der Weinbauverband verschweigt vermutlich die Wahrheit. Im Weinbau werden sehr wohl Herbizide eingesetzt. Oder?
2. Höchstwahrscheinlich handelt es sich dabei auch um (das gerade von der EU wieder freigegeben) Glyphosat - oder?
3. Letztes Jahr war ein riesen Skandal, als man Glyphosat im Bier entdeckte. Wer untersucht eigentlich unseren Wein auf Schadstoffe? Oder ist das auch ein Thema, das, weil wirtschaftliche Interessen bei uns ja stets im Vordergrund stehen, möglichst verschwiegen wird?

Ich bin gespannt auf eure Antworten.

Gruß
KH
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#2
lieber Karl-Heinz,
das ist korrekt, man muss offiziell und real unterscheiden. Offiziell wird Roundup (Glyphosat) nicht eingesetzt. Real jedoch schon, weil es gegenüber der manuellen Unterstockpflege natürlich eine große Arbeitserleichterung bringt. Darüber redet aber keiner offiziell, wenn man mit Winzern spricht, hört man es jedoch ganz offen, dass viele Roundup benutzen. Die Verlängerung der Zulassung hat ja in der Öffentlichkeit große Wellen geschlagen. Glyphosat wirkt auf folgende Weise: die Glutaminsynthetase, ein Enzym, das Ammonium in den Aminosäurestoffwechsel einbaut, wird gehemmt. Dadurch häuft sich Ammoniak in der Zelle an und die Zelle und letztlich die gesamte Pflanze stirbt ab. Der Rebstock selbst hat seine Blätter ja viel weiter oben und "kriegt daher nichts ab". Da Tiere (also auch wir) ihre Aminosäuren von anderen Lebewesen "klauen" und nicht selbst herstellen, ist dieses Enzym hier von geringer Bedeutung (obwohl es nicht stimm, dass es nicht vorhanden ist, hier müsste man also noch einmal genauer hinschauen, was die Nebenwirkungen angeht). Verglichen mit anderen Herbiziden (sogenannten Tankmischungen) ist Glyphosat sogar noch eine recht milde Variante und wird vergleichsweise schnell abgebaut. Ob es Rückstände in den Beeren gibt, weiß ich nicht, würde aber vermuten, dass die nicht so sehr betroffen sind, sofern beim Spritzen keine Verdriftung auftritt. viele Grüße. Peter Nick
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#3
Hallo Karl-Heinz, Hallo Peter,
 
jetzt kommt ja tatsächlich noch ein bisschen Leben ins Forum – und gleich noch mit ‘ner Glyphosat-Diskussion ;-).
 
Zuerstmal: Peter, da ist Dir ein kleines Versehen passiert. Du meintest Glufosinat (Handelsname BASTA) bei Deiner Beschreibung der Wirkungsweise der Glutaminsynthetase-Hemmwirkung. Glyphosat wirkt im Shikimisäureweg bei der Hemmung der Pyruvat-Addition vom Shikimat-3-Phosphat zum 5-Enolpyruvylshikimat-3-Phosphat (EPSP) katalysiert durch die EPSP-Synthase. Glyphosat wirkt als kompetitiver Inhibitor des Phosphoenolpyruvats (PEP). Die Folge ist die Hemmung der Biosynthese der aromatischen Aminosäuren Phe, Tyr u. Trp. Zur Verdeutlichung siehe z.B. https://en.wikipedia.org/wiki/EPSP_synthase. Diesen Biosyntheseweg gibt es in Tieren (und Menschen) bekanntermassen ja nicht.
Glufosinat hat seit Ende 2017 keine Zulassung mehr in der EU (https://de.wikipedia.org/wiki/Glufosinat).

Was die Herbizidapplikation im Weinbau angeht:
Ich denke da sollten sich die Verantwortlichen schon ein bisschen ehrlich machen, dass Herbizide eingesetzt werden. Meiner Ansicht ist da auch bei korrekter Anwendung prinzipiell nichts dagegen einzuwenden.
Untersucht man Moste oder Weine wird man bei den heutigen sensiblen Analysetechniken sicherlich Glyphosat finden. Wenn man die richtigen Verfahren anwendet und nicht gar so blöd agiert wie „die Grünen“ bei ihrer missratenen Muttermilch-Kampagne:
https://schillipaeppa.net/2016/02/16/die...chweisbar/ (Man goutiere auch den Leser-Beitrag von Wolfgang Nellen).

Die Frage ist nur: So what? Das giftigste im Wein ist und bleibt der Alkohol ;-). Man vergleiche die toxikologischen Daten von Ethanol https://de.wikipedia.org/wiki/Ethanol mit denen von Glyphosat https://de.wikipedia.org/wiki/Glyphosat

Das Problem ist, dass die Glyphosat-Story von gewissen Interessensgruppen und gewissen politischen Parteien (da geben sich die AfD, die Grünen und SPD nichts) dermaßen hochgekocht wurde, daß inzwischen alle Anwender verängstigt sind klare Kante zu zeigen. Es sollten sich also nicht nur die Anwender ehrlich machen sondern vor allem auch die, die Kampagnen führen. Es ist halt so, dass man nach Möglichkeit Einträge von Pestiziden möglichst gering halten sollte  - ich glaube da sind sich alle einig – aber man sollte endlich einmal wahrnehmen, dass es Lobbyismus nicht nur bei der Industrie, sondern v.a. auch bei Umweltverbänden (und deren Anwälten) gibt. Die Einen produzieren Wirkstoffe, die Anderen die Furcht vor diesen Wirkstoffen - und dafür ist "Glyphosat" eigentlich ein schönes Beispiel.
Die „wahrscheinliche Kanzerogenität“ von Glyphosat die von der IARC (Internationale Agentur für Krebsforschung) als Grundlage für die von verschiedenen Interessengruppen gepushte Kampagne zum Verbot des Wirkstoffs steht auf äußerst wackligen Beinen. Diese Bewertung durch diese UN-Agentur stellt nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht einen Skandal dar.
Man möge sich den folgenden Blog-Beitrag zu Gemüte führen:
https://sciencefiles.org/2017/12/06/die-...ns-deppen/
Viel Spass beim Lesen der Links.
 
Günther
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#4
lieber Günther, lieber Karl-Heinz

vielen Dank für die Korrektur, Du hast Recht - ich hatte den Wirkmechanismus von BASTA (Glufosinat) beschrieben. Der Grund für die Verwechslung: beide Herbizide spielen weltweit eine große Rolle für den Anbau mit transgenen Pflanzen, z.B. Soja, Mais oder Baumwolle und beides sind sogenannte Totalherbizide, die also im Prinzip auf alle Pflanzen wirken, ausser auf die transgenen Pflanzen, denen die Herbizidresistenz eingefügt wurde.

Diese Geschichte von Glyphosat und Glufosinat ist vermutlich auch der Grund für die recht hochgekochte Diskussion - man hat sozusagen gleich Monsanto, die Globalisierung und das Unbehagen an einer industrialisierten Landwirtschaft im Hinterkopf und das schwingt hier mit. Das Glyphosat ist also eigentlich eher so eine Art Symbol.

Auf jeden Fall stimme ich Dir bei, dass es die bessere Strategie ist, Dinge ehrlich zu benennen und nicht unter den Teppich zu kehren. Das erzeugt nämlich Misstrauen.

Bei solchen Diskussionen muss man nämlich immer auch darüber sprechen, was womit verglichen wird. Es gibt ja im Grunde drei Optionen:

A. Unterstockpflege mit Glyphosat
B. Unterstockpflege mit konventionellen Herbiziden
C. Unterstockpflege ohne Herbizide

Von diesen drei Optionen ist B meiner Ansicht nach die schlechteste, bei vielen konventionellen Herbiziden weiß man nach wie vor nicht so genau, wie sie wirken oder wie sie abgebaut werden. C wäre sicherlich die sauberste Lösung, aber hier muss man dann ehrlich sagen, dass das sehr viel Arbeit und Zeit bedeutet und dass man dann das Produkt nicht für 3 Euro den Liter im Supermarkt bekommen kann. Wenn man nicht bereit ist, höhere Preise für das Produkt zu bezahlen, wird es daher auf Option A rauslaufen. Wenn diese Ehrlichkeit auf allen Seiten vorhanden gewesen wäre, wäre die Diskussion vielleicht auch nicht so entgleist.

Solche ehrlichen Diskussionen zwischen Wissenschaft, Praxis und Öffentlichkeit zu fördern ist ja auch ein Anliegen von Vitifutur.
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